Wirtschaftlichkeitsanalysen in der öffentlichen Hand: Herausforderungen und Lösungen

  • Hallo zusammen!

    Als jemand, der beruflich mit kommunalen Energieprojekten zu tun hat, möchte ich mal ein Thema ansprechen, das oft unterschätzt wird: Wie schwierig es für Städte und Gemeinden ist, Solar-Projekte wirtschaftlich zu bewerten.

    Das Problem kennen viele Kommunen: Während Privatleute relativ einfach rechnen können (Investition vs. gesparte Stromkosten), wird es bei öffentlichen Trägern kompliziert. Da spielen Haushaltsrecht, Vergabevorschriften und politische Zyklen eine große Rolle.

    Typische Herausforderungen aus meiner Erfahrung:

    • Amortisationszeiten von 15-20 Jahren passen nicht zu 4-jährigen Wahlperioden
    • Haushaltsengpässe machen hohe Anfangsinvestitionen schwierig
    • Vergaberecht erschwert innovative Finanzierungsmodelle
    • Bürokratie - jede Maßnahme braucht zig Beschlüsse und Gutachten

    Was funktioniert trotzdem: Meine Gemeinde (15.000 Einwohner) hat letztes Jahr alle Schuldächer mit PV bestückt - über ein Contracting-Modell. Externer Investor baut und betreibt, wir pachten die Dächer und kaufen den Strom ab. Null Investition für die Kommune, sofort sinkende Energiekosten.

    Andere clevere Ansätze:

    • Bürgersolaranlagen auf kommunalen Dächern
    • Interkommunale Kooperationen für größere Projekte
    • EU-Fördermittel nutzen (EFRE, LEADER etc.)

    Meine Beobachtung: Viele Kommunen trauen sich nicht an größere Solar-Projekte, weil die Wirtschaftlichkeitsberechnung zu komplex erscheint. Dabei gibt es mittlerweile gute Beratungsangebote und Standardlösungen.

    Wer arbeitet noch mit öffentlichen Trägern? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

    Grüße!

    • Offizieller Beitrag

    Hi!

    Super wichtiges Thema! Ich kann deine Erfahrungen nur bestätigen.

    Was ich zusätzlich beobachte: Viele Kämmerer haben noch die "alten" Strompreise im Kopf und rechnen mit 20 Cent/kWh statt den aktuellen 35+ Cent. Dadurch sehen die Wirtschaftlichkeitsberechnungen viel schlechter aus, als sie tatsächlich sind.

    Erfolgsrezept aus meiner Beratungspraxis: Pilotprojekte starten! Eine kleine 50 kWp-Anlage auf dem Rathaus oder Bauhof überzeugt oft mehr als alle Gutachten. Wenn der Bürgermeister jeden Monat die gesparten Stromkosten schwarz auf weiß sieht, wird das nächste Projekt viel einfacher.

    Tipp für die Finanzierung: Kommunalkredit der KfW (Programm 218) - läuft bis zu 30 Jahre und ist oft günstiger als Eigenkapital. Viele Kommunen wissen gar nicht, dass es das gibt.

    Politische Argumentation: Ich empfehle immer, nicht nur mit Eurobeträgen zu argumentieren, sondern auch mit CO2-Einsparung und Vorbildfunktion. "Wir sparen 50 Tonnen CO2 im Jahr" kommt bei Bürgern und Gemeinderäten oft besser an als "Amortisation nach 12 Jahren".

    Bei uns im Landkreis hat sich mittlerweile eine interkommunale Arbeitsgruppe Solar gebildet - Erfahrungsaustausch und gemeinsame Ausschreibungen machen vieles einfacher.

    Welche Anlagengröße empfiehlst du als Einstieg für kleinere Gemeinden?

    Grüße aus der Beratungspraxis! :D

  • Was oft übersehen wird: Die energetische Sanierung und PV-Integration können Synergieeffekte haben, die in klassischen Wirtschaftlichkeitsberechnungen untergehen. Beispiel aus unserer Nachbargemeinde (Oberbayern, Grundschule, 2022): Erst die Kombination von Dachsanierung und PV-Aufbau hat das Projekt wirtschaftlich gemacht, weil nur so Fördergelder aus unterschiedlichen Töpfen kombiniert werden konnten. Einzelmaßnahmen hätten sich nie gerechnet oder wären an der Mittelbindung gescheitert.

    Mich wundert, dass diese Kopplung selten systematisch geprüft wird. Gibt’s bei euch Tools oder Vorgehen, wie ihr solche „versteckten Kombi-Vorteile“ hebt? Ich hab dafür bisher nur mit Excel gearbeitet, was irgendwie unbefriedigend ist...

  • Habt ihr schon mal drüber nachgedacht, wie schwer es ist, die Nebenkosten wirklich realistisch mit einzurechnen? Also so Sachen wie Wartung, Versicherung oder Wechselrichtertausch nach 12 Jahren... Bei uns im Kreis wird das meist eher grob geschätzt, was dann halt gern mal das Ergebnis ganz schön verzerrt. Bin mir auch nicht sicher, ob die „Standard-Excel-Tools“ ausreichen, oder ob man nicht besser eigene Erfahrungswerte nach paar Jahren sammeln sollte – alles andere bleibt halt Theorie, naja, ihr wisst schon. 🙃

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